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Der Nedap ESD1 ist ein Wahlcomputer. Dieses Gerät war in Deutschland bei Landtagswahlen im Einsatz. Nach einer Verfassungsbeschwerde wurde der Einsatz dieser Geräte jedoch für rechtswiederig erklärt und so wurden die Geräte quasi über Nacht zu Elektroschrott. Ich habe das Gerät von Freunden aus meinem Lokalen Computerclub erhalten die einen Satz dieser Geräte vor der Verschrottung bewahrt hatten. Die Geräte waren nicht flächendeckend im Einsatz, so das einige von euch vielleicht nie in den Genuss einer solchen elektronischen Wahl gekommen sind. Nun ja. Der Nedap ESD1 ist ein sehr schönes Gerät dem man ansieht das es mit Liebe zum Detail entwickelt wurde. Im folgenden werde ich euch den Nedap ESD1 einmal vorstellen.

Der Nedap ESD1 bringt seine eigene Wahlkabine gleich mit. Alles was man tun muss ist den Koffer zu öffnen und die integrierte Wahlkabine auseinander zu falten. Mit etwas Übung bekommt man das Auseinanderfalten auch alleine hin. Man merkt das man sich hier auch sehr viel Gedanken über den praktischen Einsatz gemacht hat. Allerdings ist durch diese Bauweise das Gerät selbst im zusammengefalteten Zustand sehr groß und schwer. Wenn man damit abhauen will kommt man jedenfalls nicht sehr weit ;-). Rollen hätte man noch einbauen können. Dann wärs perfekt...

Das Wählen funktioniert so das der Wahlleiter an einer Steuerkonsole die Wahl zunächst freigibt. Der Stimmberechtigte kann dann auf einem Berührungsempfindlichen Tableau, auf dem ein Wahlzettel aufgelegt ist, die Partei für die er stimmen möchte auswählen in dem er mit dem Finger auf den Kreis drückt. Das Gerät gibt dann die Wahl zur Kontrolle auf dem Display aus. Die Wahl kann dann noch korrigiert werden. Erst wenn der Stimmabgabeknopf gedrückt wurde wird die Stimme endgültig gespeichert. Wenn die Wahl geschlossen wird schreibt das Wahlgerät auf dem Modul einen Eintrag. Dieser Eintrag kann vom Wahlgerät selbst nicht mehr zurückgesetzt werden (Mit einem Hexeditor allerdings schon ;-). Man kann nach dem Schließen die Wahlergebnisse auf dem im Rechnerteil eingebauten Drucker ausdrucken oder sich auf dem Display in der Wahlkabine ansehen. Später kann man das Modul dann entnehmen und im Programmiergerät auslesen und die Daten von mehreren Wahlgeräten aus verschiedenen Wahllokalen zu einem Wahlergebnis zusammenführen.


Das Speicherprinzip in dem Modul ist auf Zuverlässigkeit optimiert. Der Flash Speicher ist doppelt ausgelegt. Zwei vollständig elektrisch von einander getrennte Flash Chips speichern die Stimmen. Für jede Stimme werden zwei Einträge an unterschiedlichen Stellen im Speicher erzeugt. Der Speicherort wird zufällig ausgwählt, damit man später nicht mehr nachvollziehen kann wer was gewählt hat. Technisch ist das Wahlgeheimnis also gewahrt.

Wenn man sich den ESD1 von innen ansieht findet man ausschließlich Bausteine in DIL-Gehäuse. Der Prozessor ist ein 68000 von Motorola. Das Wahlprogramm ist in zwei Eproms gespeichert, zu dem gibt es ein EEprom für Fehler-Logs und Einstellungen. Außerdem stehen 16KB Ram zur verfügung. Entgegen der Behauptungen des Herstellers ist der ESD1 ein vollwertiger Computer, es gibt Tastur, Display, Drucker, RAM, ROM, Wechselspeicher, zwei serielle Schnittstellen und sogar eine Operator Console. Wenn man es drauf anlegen würde, dann könnte man sich ein Eprom mit einem Bootloader brennen und kleine Programme von den Stimmodulen laden. Eine entsprechende Schreibmaschinentasturauflage würde die Wahlkabine zum Terminal machen. Mit ein wenig Fantasie würde aus dem ESD1 noch ein ganz passabler Computer werden.

Zu dem ganzen System gehört auch ein Programmiergerät um die Module mit einer Konfiguration zu beschreiben und um am ende der Wahl das Ergebnis auszuwählen. Damit man die mit Wäherstimmen befüllten Module nicht versehentlich überschreibt hat das Programmiergerät zwei Steckplätze. Einen zum programmieren und einen zum auslesen. Beide kann man abschließen. Damit auch wirklich niemand nach einer Wahl das Modul in den Programmierslot steckt und womöglich noch versehentlich überschreibt müssen beide Schlösser zu sein damit das Programmiergerät Strom bekommt. Der Programmierslot ist dann grundsätzlich abeschlossen und man legt sich nur den roten Ausleseschlüssel zur Hand. Dann kann nichts passieren.

Bemerkenswert ist das sich im Programmiergerät das gleiche Board befindet, wie aus in den Wahcomputern. Lediglich die nicht benötigten Stecker wurden weggelassen. Ich habe die ROM-Inhalte des Wahlgerätes mit denen des Programmiergerätes verglichen. Sie sind exakt gleich. Ich gehe davon aus das die Konfiguration im EEprom der Firmware sagt in welchem Modus sie laufen soll. Ich frage mich ob man auch das Wahlgerät selbst als Programmiergerät verwenden kann. Theoretisch sollte das kein Problem sein wenn man den fehlen Slot nachbestückt. Leider erübrigt sich die Frage. Ich habe nämlich zu dem Programmiergerät keine Software dazu bekommen. Die Software heisst ISS (Integriertes Wahlsystem). Aber vielleicht habe ich ja Glück und ein ehemaliger Anwender kann mir mit einer Kopie aushelfen.

Interessant ist das der ESD1 über keinerlei elektronische Sicherheitsmaßnamen verfügt. Alle elektronischen Maßnamen in dienen eigentlich nur der Zuverlässigkeit des Betriebes. Die Siegel die den Rechnertei vor Manipulation schützen sollen lassen sich leicht nachdrucken. Wenn jemand erstmal Eproms mit einem manipulierten Wahlprogramm in den Wahlcomputer gemogelt hat ist sowieso alles zu spät. Der Koffer ist abschließbar und lässt sich verblomeben. Das ist aber auch schon alles. Bemerkenswert finde ich die mechanische Implementierung des 4-Augen-Prinzips. Wer aufmerksam schaut sieht das an der Operator Konsole und am Rechnerteil ein zusätzliches Schloss ist. Wenn man dieses schloss abschließt kann man das rote Schloss, welches die eigentliche elektronische Funktion hat, nicht mehr betätigen.


Für interessierte habe ich auch ein Youtube Video über den Nedap ESD1 gemacht. Hier zeige ich euch neben allen wichtigen Details auch wie man eine Wahl durchführt.

Klicken Sie hier um das Video auf Youtube.com anzusehen

Nun ist es aber Zeit wider einzupacken. Hier im Zimmer kann der Nedap ESD1 nicht bleiben. Er muss in den Keller. Dank des Koffers lässt er sich dort aber sehr gut verstauen und ist gut vor Staub und Dreck geschützt. Mal sehen, vielleicht habe ich ja eine Erleuchtung wie man noch etwas mehr aus dem Nedap ESD1 herausholen kann. Momentan kann ich nur mit der Wahlkonfiguration experimentieren die ich mit meinem Modul erhalten habe. Wenn das hier jemand liest der früher Nedap ESD1 Computer zusammen mit der ISS-Software im Einsatz hatte - über eine Kopie der Software würde ich mich riesig freuen!

Abschließend muss ich aber schon sagen das als in den Nuller-Jahren Wahcomputer ein Thema waren bei mir sämtliche Alarmglocken angegangen sind. Ich finde es ziemlich wahnsinnig Geräte bei einer Wahl einzusetzen bei der man selbst als Ingenieur es schwer hat nachzuvollziehen wie das Wahlergebnis eigentlich zu Stande kommt. Das mit dem Zettel und dem Stift habe ich schon als Kleinkind verstanden. Was in dem relativ simpel aufgebauten ESD1 passiert habe ich jetzt gerade mal vage verstanden. Die Nedap ESD1 Geräte sind nun schon seit über 10 Jahren in Deutschland nicht mehr zugelassen. Das Thema ist nun etwas für Historiker. Ich habe für interessierte hier mal ein par interessante, weiterführende Links rausgesucht:

Youtube Video: Mit Papier und Bleistift zur sicheren Wahl - Digital ist nicht immer besser
Youtube Video: 24C3: NEDAP-Wahlcomputer in Deutschland (de)

Youtube Video: changing the ROMs of a Nedap e-voting computer in 60 seconds
Youtube Video: Voter instruction 1991
Youtube Video: vote printer (Eine Verbesserungsidee)
Youtube Video: Verifiing Proms with Secret marking and sealing of the electronic module
Youtube Video: WRAP EU voting in countryside as "no" expected, Balkenende (aus dem Leben)
Youtube Video: count center Ireland Nice referendum October 19 2002 (aus dem Leben)

Nedap/Groenendaal ES3B voting computer - a security analysis
Beschreibung und Auswertung der Untersuchungen an NEDAP-Wahlcomputern


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